“Und dann bist du mit dem Tod allein”

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Alessio Bucci e Tiziana

Alessio Bucci war nach dem Erdbeben in Zentralitalien vom 24. August 2016 viele Stunden unter den Trümmern seines Traditionslokals “Roma” begraben, schwebte nach seiner Rettung monatelang in Lebensgefahr. Doch ausgerechnet er kehrte in seinen Heimatort Amatrice zurück und ist ein Symbol für den Wiederaufbau 

Constanze Reuscher, Amatrice

Nachdem die Erde gebebt hatte wurde es still, stockdunkel. Alessio Bucci, 38, hörte nur die verzweifelten Schreie seiner Frau Tiziana. Der Erdstoß hatte sie aus dem Bett geschleudert. “Ich hörte ihr Rufen, aber konnte ihr nicht helfen, sie nicht sehen, nicht zu ihr”, erinnert er sich. Alessio Bucci war unter einer riesigen Zementplatte eingequetscht. “Von diesem Augenblick dachte ich nur daran Tiziana zu retten, zu überleben, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie das gehen sollte”.

Um 3.36 Uhr in der Nacht des 24. August 2016, hatte ein Erdstoß der Stärke 6 auf der Richterskala Zentralitalien erschüttert, Dutzende Orte zerstört. Das Epizentrum lag nicht in Amatrice, richtete hier aber den schlimmsten Schaden an: 238 der insgesamt 299 Todesopfer starben in dem 2500-Seelenort, der in einem malerischen Hochtal im nordöstlichen Latium gelegen ist. Zigtausende waren obdachlos. Über 300 Menschen wurden in den Tagen darauf teils schwerverletzt aus den Trümmern geborgen.

Einer von ihnen war Alessio Bucci, 38. Heute, knapp ein Jahr später, sitzt er an einem Tisch seines nagelneuen Ausflugslokals “Roma”, berichtet von jener Nacht. Mit dem Finger schiebt er Fotos über den Iphone-Monitor, man erkennt nicht viel, nur Schutt, ein total zerstörtes Gebäude. Zimmerdecken aus Beton liegen dicht übereinander wie zusammengefaltete Pappe. Alessio zoomt auf einen schmalen Schlitz unten im Trümmerhaufen, der beinahe sein Grab geworden wäre.

Es sind die Reste des einstigen Hotelrestaurants “Roma”, das Bucci mit seiner Familie betrieb. Das “Roma” war für Mamma Marias “Pasta all’Amatriciana” in ganz Italien berühmt. In der Hochsaison ein 24-Stunden-Job, Tiziana und er übernachteten deshalb im Hotel. Bis sie ein Knall aus dem Schlaf riss,  wie “eine Bombenexplosion”, aber Alessio wusste, dass es “das große Beben war”. Seit seiner Kindheit hatte er Angst davor gehabt.

Dann ein dumpfer Schmerz: Die Zimmerdecke zur Etage über seinem Schlafzimmer samt einem dort liegenden Badezimmer war herabgestürzt, quetschte Alessios rechtes Bein und den Rumpf ein. Er fiel nicht in Ohnmacht, aber es nahm ihm den Atem und “es war, als setze das Gehirn aus”, erinnert er sich. Nur für einen einzigen Gedanken war noch Platz: “Überleben, meine Frau retten, hinaus!”

Tausende Helfer – Soldaten, Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Krankenschwestern, Freiwillige – waren zu dieser Zeit bereits auf dem Weg ins Erdbebengebiet. Ein Mann mit gebrochener Stimme hatte das Ausmaß der Katastrophe in wenige Worte gefasst, die TV- und Rundfunksendern stundenlang wiederholten: “Amatrice ist ausgelöscht. Ich bin der Bürgermeister einer Geisterstadt…”. Sergio Pirozzi war Sekunden nach dem Beben in den Ortskern gelaufen, hinein in jene Apokalypse aus Rauch, Staub, blutverschmierten Verletzten, die aus ihren Häusern torkelten, Toten, unter den Trümmern schreienden Menschen.

Der verwüstete Ortskern von Amatrice

Alessio Bucci konnte nicht mehr um Hilfe Rufen. Der Zementblock, der auf seinem Körper lastete, nahm ihm den Atem. Die Stimme seiner Frau wurde schwächer. Er hörte nicht, dass oben die Bergungsarbeiten begonnen hatten, die Gäste des Hotels aus den Trümmern gezogen wurden. Sechs von ihnen wurden tot geborgen.

Vor ihm war eine “schwarze Wand”, der Tod “zum Greifen nah”, mit dem er nun ganz allein war. Da war “kein Raum mehr für das, was draußen passierte. Es drehte sich nur noch um das eine: das Leben, Überleben”.

Die Sonne stand hoch, als Alessio jemanden rufen hörte: “Ruhe, bitte! Ich höre sonst nichts!” Überall im Ort mussten Raupen, Bagger, Sägen immer wieder gestoppt werden, um auch leisestes Wimmern der Opfer zu hören. Seinem Hotelkoch gelang es, die Zementplatte mit Hilfe von Wagenhebern hochzuhieven, Alessios fast leblosen Körper herauszuziehen. Auch Tiziana wurde gerettet.

Zwei Monate schwebte er in Lebensgefahr: Die Blutgefäße im rechten Bein und Organe waren kaputt. Alessio krempelt behutsam die Hose hoch: darunter eine durchgehende, tiefe Narbe vom Fuß bis zur Hüfte, einem riesigen Reißverschluss gleich. Erst wollten die Ärzte amputieren, dann unterzogen sie Alessio mehreren, komplizierten Operationen.

Die Erde bebte derweil weiter, am 26. und 30. Oktober, am 18. Januar, forderte wieder Tote, zerstörte Städte in Umbrien, den Marken und Abruzzen. Während Alessio wieder laufen lernte, versackten die verwüsteten Orte unter einer meterhohen Schneedecke, waren abgeschnitten von der Außenwelt. Es war der härteste Winter seit 60 Jahren. Bauern harrten in Ställen mit ihren Tieren aus, um sie vor dem Verhungern und Erfrieren zu retten. Anders als erwartet klammerten sich die Menschen an ihre Erde und der erwartete Exodus blieb aus.

Die “Food Area” und das daneben stehende Gemeindehaus sind Holz-Stahl-Pavillons in modernem Design, absolut erdbebensicher. Sie wurden von einem TV-Sender und einer großen Tageszeitung finanziert. Ohne private Spender wäre Amatrices zaghafter Neuanfang undenkbar: der Kindergarten, das Kino, eine Sporthalle, ein Supermarkt, ein kleines Einkaufszentrum, die Kirche, das neue Rathaus.

Prominenter Motor im Erdbebengebiet ist zweifellos Amatrices Bürgermeister Pirozzi. Die “Solidarität aus Italien, Europa und der Welt” machten ihm Mut, sagt er. Erst Anfang August war der deutsche Staatssekretär Gunther Adler aus dem Bundesbauministerium da, um eine Zusage zur Finanzierung des neuen Krankenhauses zu unterzeichnen. Für den 13. September ist eine Treffen mit der Bundeskanzlerin in Berlin geplant. Dann will Pirozzis auch das Projekt für ein neues Amatrice in der Tasche haben.

Pirozzi ist ein Kämpfer, das hat er in seinen Jahren als Spieler und Fußballtrainer verschiedener B-Liga-Mannschaften gelernt: fallen, wieder aufstehen, die “Fähigkeit, über den Schmerz und die Gefühle hinaus in die Zukunft zu schauen”. Im Rathausbüro hängen Wimpel Dutzender Gemeinden und Fußballclubs, die Amatrice unterstützen. In einer Vetrine T-Shirts und Sweatshirts, auf denen in roten Lettern “Amatrice” steht. Jetzt ist die Dorfgemeinschaft seine Mannschaft.

Bürgermeister Sergio Pirozzi mahnt Politiker und Bürokraten

Der quirlige Bürgermeister hält Regierung, Politik und die allzu oft schleichende Bürokratie Italiens auf Trab, in dem er gewieft die Medien nutzt: unermüdlich Verspätungen, etwa beim Bau der provisorischen Wohnhäuser anprangert und Politikern Zusagen entlockt. Von 3800 Häusern im  Erdbebengebiet stehen erst knapp 600. Mehr als 74.000 Erdstöße hat es seit dem 24. August 2016 gegeben, das demoralisiert die Menschen. Und wenn die Familien zu Schulbeginn keine sichere Unterkunft haben, werden sie abwandern – dann stirbt auch Amatrice.

Es ist aber der Nachwuchs, auf den Pirozzi für das Überleben Amatrices setzt. Er hat ein internationales Sportgymnasium gegründet. 32 Jugendliche aus ganz Italien sind bereits angemeldet.

Seit dem 24. August 2016 weigert er sich, die “rote Zone” zu betreten, den zerstörten Ortskern. Kronprinz Charles, Papst Franziskus, Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, mussten allein hinein. Kanadas Premier Trudeau weinte und umarmte den Bürgermeister, als er heraus kam. “Aber ich werde nicht mitgehen, bevor nicht der letzte Stein abgeräumt ist”, sagt Pirozzi und serviert hohem Besuch stattdessen Pasta all’Amatriciana. Das gehört zu seinen medienwirksamen Aktionen, die das Vergessen verhindern sollen und ihn zum populären Sprachrohr aller Betroffenen im Erdbebengebiet machten.

“Pirozzi verdanken wir viel”, sagt Alessio Bucci. Am späten Nachmittag sind im “Roma” die Tische neu eingedeckt, Kellner jonglieren Tellerberge, Mamma Maria brät Speck, Schwester Simona putzt die Kaffeebar. In der Küche helfen drei Jungs, keine zehn Jahre alt, beim Kartoffeln schälen. Einer habe beim Erdbeben Mutter und Schwester verloren, erklärt Alessio mit sanften Blick auf den Jungen, aber jenem unerbittlichen Unterton eines Überlebenden, der der Niederlage keine Chance geben wird.

Alessio Bucci, Mamma Maria und Schwester Simona in der neuen Küche des Ristorante Roma

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