Siziliens Winzer: “SOStain” – zehn Gebote für Italiens Wein

Wenn Donald Trump in Taormina gipfelt, sieht er in der Ferne den Ätna rauchen. Auf der Tafel der Mächtigen der Welt wird Qualitätswein stehen, der in Sizilien und auch an den steinigen Lava-Hängen wächst. Für Trump schwer vorstellbar: Die Winzer machen Gesetze und neuerdings auch Sozialpolitik selbst, weil der Staat es nicht tut.

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Die Weinberge von Regaleali auf Sizilien, wo die Winzerfamilie Tasca d'Almerita das Nachhaltigkeitsprojekt "SOStain" entwickelt hat

 

“Garten Eden” nennt Alessandro Scorsone, die Hänge des Ätna, dessen Feuerschlund 3000 Meter hoch über der Ostküste Siziliens thront. Scorsone ist Italiens Mundschenk der Mächtigen, seit 30 Jahren Sommelier, Maitre und Zeremonienmeister im Palazzo Chigi, dem Sitz des Premiers in Rom. Gemeinsam mit den sieben Mächtigen der Welt wird er den Vulkan als spektakuläre Kulisse am Horizont von Taormina genießen.

Scorsone kennt jeden Winkel und Wein Italiens. Auf den Tafeln der Gipfelteilnehmer wird der Wein berühmter sizilianischer Winzer stehen, den auch die Amerikaner kennen. Dass diese Produzenten in den vergangenen 20 Jahren selbst den steinigen und steilen Lava-Hängen Qualitätströpfchen abgetrotzt haben, die heute weltweit renommiert sind, hält Scorsone für ein kleines Wirtschaftswunder und für ein Modell.

Heute ist die Weinbranche der einzige gesunde Wirtschaftszweig der Insel, legt teilweise mit zweistelligen Prozentzahlen pro Jahr zu, bildet neue, immer qualifiziertere Arbeitsplätze, wo sie in sämtlichen anderen Branchen schwinden. Die Zahlen sprechen für sich. Mit knapp 100.000 Hektar Weinland und 1,7 Millionen Hektolitern jährlich liegt Sizilien auf Platz zwei der ertragreichsten Regionen Italiens, noch vor Venetien. Die Branche wächst auf Sizilien zweistellig. Allein der Absatz der Weine der autochthonen Rebsorte “Nero d’Avola” legte 2016 in einem Jahr auf dem US-amerikanischen Markt um 72 Prozent zu.

Das verdanken die Winzer sich selbst. Antonio Rallo, Mitinhaber der Winzerei “Donnafugata” aus Marsala und einer der größten Produzenten der Insel, brachte 2013 die Prädikatsbezeichnung “DOC” für die Rebsorte in Brüssel durch – der Export aller Hersteller schnellte hoch. Rallos Vater Giacomo gehört zu den Visionären der Branche, weil er seit den 90er Jahren in Forschung investierte und seine Kollegen überzeugte, dies auch zu tun. Antonios Schwester Jose wurde gerade in den Olymp der italienischen Agrarforschung, die Florentiner “Accademia dei Georgofili” aufgenommen, in dem seit 200 Jahren nur jene zugelassen sind, die besondere Verdienste für den Sektor vorweisen können  – normalerweise sind es Wissenschaftler, diesmal die sizilianische Unternehmerin.

“Virtuoser Anbau, Nachhaltigkeit und moderne Wirtschaftsmodelle verwandeln Landschaften. Ähnlich wie in der Gegend des Prosecco in Venetien im Norden. Sie mutieren, werden fruchtbar und ertragreich, es folgen und wirtschaftliche und soziale Erneuerung und Aufschwung, wo heute sonst Brachland wäre”, sagt er und schwenkt fachmännisch einen Kelch des immer begehrteren “Nerello Mascalese ”. Mit dieser autochthonen Rebe, die uralt ist und vor allem aufgrund der besonderen Bodenbeschaffenheit am Ätna den Einfall der Reblaus überlebte, wurde bis vor 20 Jahren jedoch nur eine tintenähnlicher Sirup erzeugt, der als Schnittwein nach Frankreich verhökert wurde. Heute werden daraus Spitzenweine Italiens gemacht.

Dass Regionen und Politiker Profit aus solchem Potential machen, hört sich logisch an. Nicht in Regionen wie Sizilien. Während der Gouverneur der Region Venetien, Luca Zaia, im Norden den Anbau des Prosecco für dessen Verdienste um die Evolution einer ganzen Landschaft als Weltkulturerbe kandidiert, tut die sizilianische Regierung praktisch nichts. Die Inselregion gilt wirtschaftlich als Griechenland Italiens. Korruption, Klientenwirtschaft, Mafia, haben ganze Wirtschaftszweige gefressen, die Industrie ist abgewandert, die Landflucht hält an. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 60 Prozent, das Inlandsprodukt ist fast um die Hälfte niedriger als im Norden.

Typische Landwirtschaftsektoren wie Zitrusfrüchte, Olivenöl- und Weizenanbau kämpfen weiter mit Fragmentierung, Folge ist der Ausverkauf zu Dumpingspreisen an die Lebensmittelindustrie im Norden. Dabei stammen dei der 10 weltbesten Olivenöle aus Sizilien. Statt einzugreifen verschwendeten die Regionalregierung ihre finanziellen Ressourcen zugunsten von kriminellen Seilschaften – der frühere Regionalpräsident Toto Cuffaro ist erst seit Kurzem nach dem Absitzen einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Mafiabverbrechen wieder auf freiem Fuß. In den letzten  fünf Jahren zerfledderte die derzeitige Regierung ihre Energie im raschen Wechsel der Regierungskoalitionen und 50 Ressortchefs in 12 Ministerien. Auch einer der Landwirtschaftsminister, Dario Cartabellotta, hielt sich nur wenige Monate im Sattel.

Dabei war gerade dieser fähige Agrarwissenschaftler der Visionär des Erfolg der gesamten Weinbranche gewesen – hatte mit Hilfe von Privaten seit den 90er Jahren als Chefforscher des regionalen Wein-Forschungsinstituts revolutionäre Neuerungen und die Basis für den Anbau der ertragreichen autochthonen Rebsorten Siziliens geschaffen. Der damals aufstrebende Winzer Diego Planeta wurde Chef des Instituts, erkannte das Potential, förderte mit Privatmitteln. Donnafugata-Inhaber Giacomo Rallo und der Winzergraf Lucio Tasca d’Almerita schlossen sich an. Regelwerke für biologischen, biodynamischen, nachhaltigen Anbau, Qualitätsmaßstäbe und Gütesiegel sowie soziale Rahmenbedingungen wurden von diesen Winzern selbst entwickelt – an stelle des Staates.

Graf Lucio Tasca d’Almerita mit seinen Söhnen Giuseppe (l.) und Alberto

Die Winzerfamilie Tasca d’Almerita geht jetzt einen Schritt weiter. Sie hat, als einer der größten Weinproduzenten der Insel “SOStain” entwickelt, eine Art Bibel des Nachhaltigen mit zehn Geboten für den Weinanbau – übertragbar auch auf andere Landwirtschaftszweige. In sieben Jahren wurde das Projekt mit privaten Mitteln des Winzers in Zusammenarbeit mit einer norditalienischen Universität entwickelt und experimentiert.

SOStain geht über die Standards nationaler Protokolle und Gesetze hinaus: Die wesentliche Neuerung der “Nachhaltigkeitsbibel” sind neben den herkömmlichen Regeln für Umwelt, Anbau, Transformation, Packaging, dem – in Italien bisher noch wenig genutzten Rohstoffkreislauf – auch wirtschaftliche und soziale Ziele. Hauptziel ist der Erhalt und die Wiederherstellung eines intakten Ecosystems, um “Arbeit und eine lebenswerte Welt” an zukünftige Generationen. Jährliche, detaillierte Bilanzen und Rechenschaftsberichte werden dabei zur Pflicht genauso wie die Förderung der Qualifikation von Arbeitskräften. “Die Nachhaltigkeit hat einen großen Vorteil, sobald sie von vielen unterstützt wird: Sie ist flexibel und kein Endziel, sondern lebt von ihrer eignen Evolution. Dieser dynamische Faktor erlaubt es, uns gegenseitig best practice abzuschauen und den gesamten Sektor zu verbessern”, sagt Alberto Tasca, heute Geschäftsführer der Winzerei, die in alle Welt exportiert, der WELT.

Die Bündelung der Forschung erlaubt Reduktion der Kosten für alle. Statt der Ausbeutung der Ressourcen und Arbeitskräfte stellen die Winzer die Frage: “Welcher Profit ist für welchen Shareholder der angemessene, vom Landarbeiter bis zum Unternehmen, dass Marketing und Export betreibt”, erklärt Tasca. Ein Dumpinghandel müsse strikt vermieden werden, weil er das lokale Wirtschaftsgefüge zerstör. Im Protokoll ist daher dem sozialen Bereich ein ausführliches Kapitel gewidmet.

Die Betriebe werden dazu angehalten, Weiterbildungsprogramme für Fachkräften anzubieten. 80 Prozent aller Angestellten und Mitarbeiter müssen Ortskäfte sein. Ähnliches gilt auch für Zulieferer. “Wir haben darüber hinaus auch einen Anthropologen engagiert, um kulturelle Fragen zu analysieren: Bisher hat unser Unternehmen nur lokale Arbeitskräfte. Doch in Zukunft müssen wir auch soziale Modelle für die Integration der Einwanderer finden”.

Nicht nur sizilianische Winzer werden sich den den Leitlinien anschließen. Auf Italiens größter Weinmesse, der Vinitaly, hat Italiens Landwirtschaftsminister Gian Luca Galletti Anfang April ein Abkommen zur Kooperation mit  “SOStain”-Leitlinien auch auf nationaler Ebene unterzeichnet. Nicht das erste Mal wird die Politik von privaten Initiativen unterstützt. 2015 zur Expo in Mailand hatte Italiens Regierung das “Mailänder Protokoll”, ein Regelwerk für nachhaltige Landwirtschaft, Umweltpolitik und Ernährung der Weltbevölkerung unterzeichnet. Das Protokoll war vom Forschungsinstitut des Pastaherstellers Barilla in Parma entwickelt worden.

Im Vokabular des Winzers Tasca tauchen die Worte Staat und Politik sonst nie auf. “Es ist müßig, sich darüber zu beschweren, das nichts getan wird”. Politik sei Ausdruck der Gesellschaft. Nachhaltigkeit im Unternehmen, auch in einer Winzerei, müsse dazu dienen, “das allgemeine Bewusstsein und Verhalten der Öffentlichkeit zu ändern”. Eine soziale Marktwirtschaft – hausgemacht von Privatunternehmen – das dürfte Donald Trump selbst mit dem Blick auf den Ätna und bei einen Kelch sizilianischen Weines schwer begreiflich sein.

 

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